nato-luftterror gegen kurden

Text von jungeWelt

Türkei bombardiert Ziele im Irak und Syrien. Hintergrund ist Niederschlagung von IS-Revolte in Hasaka

Die türkische Luftwaffe hat in der Nacht zum Mittwoch Luftangriffe auf Kurden und Jesiden in den Nachbarländern Irak und Syrien geflogen. Dabei kam es zu Toten und Verletzten sowie zur Zerstörung ziviler Infrastruktur. Die Luftschläge seien der Auftakt zu einer »Operation Winteradler«, die sich gegen die Arbeiterpartei Kurdistans PKK richteten, erklärte das Verteidigungsministerium in Ankara noch in der Nacht.

Die seit Jahren schwersten Luftangriffe auf die von der jesidischen Glaubensgemeinschaft bewohnte Region Sindschar (kurdisch: Sengal) im Nordirak dauerten nach Angaben der kurdischen Nachrichtenagentur ANF viereinhalb Stunden. Demnach seien drei Zivilisten ums Leben gekommen. Von der Agentur verbreitete Videoaufnahmen zeigen völlig zerstörte Gebäude in einem Dorf. Die Agentur Ezidi Press berichtete, dass die Angriffe sich gegen Stellungen der Verteidigungseinheiten YBS gerichtet hätten, die nach dem Genozid des »Islamischen Staates« (IS) an den Jesiden 2014 aufgestellt wurden. Völlig zerstört wurde auch ein Stützpunkt der aus schiitischen sowie einigen jesidischen Milizen bestehenden Volksmobilisierungskräften Al-Haschd Al-Schaabi, die offiziell Teil der irakischen Streitkräfte sind.

Bombardiert wurde auch das rund 250 Kilometer von der Grenze zur Türkei entfernt im Nordirak gelegene Flüchtlingslager Machmur. Während der Spiegel wahrheitswidrig am Mittwoch im Einklang mit Ankaras Propaganda behauptete, in dem unter dem Schutz der Vereinten Nationen stehenden Lager hätten »vor allem PKK-Kämpfer Zuflucht« gefunden, leben dort rund 12.000 in den 90er Jahren aus der Türkei geflohene kurdische Zivilisten, mehrheitlich Frauen und Kinder. Ein Angriff habe sich gegen den Stützpunkt von Selbstverteidigungskräften des Camps gerichtet, teilte deren Kommandantur am Mittwoch mit. Dabei seien zwei Mitglieder dieser Miliz, die gegen den in der Region aktiven IS gebildet wurde, getötet worden. Als Zivilisten zur Hilfe eilten, seien auch sie bombardiert und Dutzende verwundet worden.

Ein weiterer Luftschlag galt einem Dorf nahe der nordsyrischen Stadt Derik, dort wurde ein Elektrizitätswerk zerstört. Es soll Verletzte und möglicherweise auch Tote gegeben haben. Türkische Söldner beschossen zudem Dörfer und einen Staudamm in der nordsyrischen Scheba-Region, wo zahlreiche aus dem besetzten Afrin geflohene Kurden leben.

Der Außenpolitiker der in der nordsyrischen Autonomieregion politisch führenden Partei der Demokratischen Union (PYD), Salih Muslim, sieht in den Angriffen einen Racheakt des Präsidenten Recep Tayyip Erdogan. Sie »finden statt, weil die Hoffnung des türkischen Staats auf den IS zerschlagen worden ist«. Wenige Stunden vor den Bombardierungen hatte es in Derik und anderen nordsyrischen Städten Trauerfeiern mit zehntausendfacher Beteiligung für Dutzende Angehörige der Demokratischen Kräfte Syriens gegeben, die in der vergangenen Woche bei der Niederschlagung einer IS-Revolte rund um das Sina-Gefängnis in Al-Hasaka gefallen waren.

An den türkischen Luftangriffen waren Dutzende Jagdflugzeuge beteiligt, die in Diyarbakir im Südosten der Türkei gestartet waren. Da der Luftraum im Nordirak von den USA kontrolliert wird, muss Washington seinem NATO-Verbündeten grünes Licht für den Überflug und die Bombardierungen weit im Landesinneren des Irak gegeben haben.